Warum die erfolgreichsten Menschen heimlich denken, sie seien Betrüger
Du hast gerade eine Beförderung bekommen. Dein Chef ist begeistert von deiner Arbeit. Kollegen kommen zu dir, um Rat zu holen. Von außen betrachtet läuft alles perfekt. Aber in deinem Kopf läuft ein anderer Film: „Die haben alle keine Ahnung. Ich habe einfach nur Glück gehabt. Wenn die wüssten, wie ahnungslos ich wirklich bin, würde mich niemand mehr ernst nehmen.“ Falls dir das bekannt vorkommt, bist du nicht allein. Millionen von Menschen leben mit diesem absurden Widerspruch zwischen dem, was sie erreicht haben, und dem, was sie über sich selbst denken.
Das Impostor-Syndrom ist wie ein fieses psychologisches Computervirus, der ausgerechnet dann zuschlägt, wenn du erfolgreich bist. Je besser es dir geht, desto lauter wird die Stimme, die dir einredet, du seiest ein Hochstapler. Klingt nach einem schlechten Witz, ist aber bittere Realität für unzählige Hochleister. Das Verrückte dabei: Diese Menschen sind nicht etwa inkompetent oder haben ihre Erfolge nicht verdient. Im Gegenteil – oft sind es gerade die talentiertesten und fleißigsten Leute, die sich wie Betrüger fühlen.
Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben dieses Phänomen bereits 1978 in ihrer wegweisenden Studie über erfolgreiche Frauen. Sie stellten fest, dass hochqualifizierte Akademikerinnen trotz beeindruckender Lebensläufe, Auszeichnungen und Abschlüsse überzeugt waren, ihre Erfolge nicht verdient zu haben. Fast fünf Jahrzehnte später wissen wir: Das betrifft alle Geschlechter, alle Altersgruppen und alle Berufsfelder. Von der Ärztin über den Software-Entwickler bis zur Unternehmensberaterin – niemand ist immun.
Der Selbstwert-Glücksspielautomat im Kopf
Um zu verstehen, warum ausgerechnet erfolgreiche Menschen an sich zweifeln, müssen wir darüber reden, wie manche Leute ihren Selbstwert organisieren. Bei den meisten von uns ist der Selbstwert relativ stabil. Klar, wir freuen uns über Erfolge und ärgern uns über Fehler, aber unser grundlegendes Gefühl von „Ich bin okay“ bleibt ziemlich konstant.
Menschen mit Impostor-Syndrom funktionieren anders. Ihr Selbstwert ist wie ein Aktienkurs an der Börse – extrem volatil und abhängig von äußeren Faktoren. Ein erfolgreiches Projekt? Der Selbstwert schießt in die Höhe. Ein Fehler im Meeting? Kompletter Absturz. Diese Menschen haben gelernt, ihren gesamten Wert als Person an ihre Leistungen zu koppeln. Ihr innerer Dialog klingt ungefähr so: „Ich bin nur dann ein wertvoller Mensch, wenn ich perfekte Ergebnisse abliefere.“
Forschungsergebnisse zeigen deutlich, wo dieses Muster herkommt. Oft liegt der Ursprung in der Kindheit, wenn Kinder die Erfahrung machen, dass Liebe und Anerkennung an Bedingungen geknüpft sind. Vielleicht waren die Eltern nur dann stolz, wenn die Mathearbeit eine Eins war. Oder das Kind wurde ständig mit Geschwistern verglichen und lernte: Mein Wert hängt davon ab, ob ich besser bin als andere. Das Gehirn zieht daraus eine logische Schlussfolgerung, die sich dann hartnäckig durchs ganze Leben zieht: Leistung gleich Liebe gleich Wert.
Die fünf Typen des inneren Kritikers
Valerie Young hat fünf verschiedene Arten identifiziert, wie sich diese Selbstzweifel äußern können. Jeder Typ hat seine eigene spezielle Art, sich das Leben schwer zu machen.
- Der Perfektionist setzt Standards, die selbst für Superhelden unerreichbar wären. Diese Person macht ein Projekt zu 99 Prozent perfekt und verbringt dann schlaflose Nächte wegen des einen fehlenden Prozents. Jede kleine Abweichung vom imaginären Ideal fühlt sich an wie ein totales Versagen.
- Der Superheld ist davon überzeugt, doppelt so hart arbeiten zu müssen wie alle anderen, um überhaupt dazuzugehören. Diese Menschen sind die ersten im Büro und die letzten, die gehen. Sie übernehmen jede Extra-Aufgabe und arbeiten, bis der Körper kapituliert.
- Das Naturtalent glaubt, echte Kompetenz bedeute, alles sofort und mühelos zu beherrschen. Wenn etwas Übung braucht oder beim ersten Versuch nicht klappt, ist das ein vermeintlicher Beweis mangelnder Begabung. Lernen wird als Schwäche interpretiert.
- Der Solist ist überzeugt, dass Erfolge nur zählen, wenn sie in totaler Eigenregie errungen wurden. Um Hilfe zu bitten bedeutet für diese Person zuzugeben, unfähig zu sein. Teamwork? Nur was für Leute, die es alleine nicht schaffen.
- Der Experte fühlt sich erst qualifiziert, wenn er buchstäblich alles über ein Thema weiß. Jede Wissenslücke, egal wie klein, wird als peinlicher Beweis der Inkompetenz gewertet. Diese Menschen sammeln Zertifikate und Fortbildungen wie andere Leute Briefmarken.
Warum Erfolg das Problem schlimmer macht
Hier wird es richtig absurd: Eigentlich sollte man doch denken, dass mehr Erfolg zu mehr Selbstvertrauen führt, oder? Logisch wäre es. Aber beim Impostor-Syndrom passiert genau das Gegenteil. Jeder neue Erfolg kann die Angst sogar verstärken.
Die Mechanik dahinter ist tückisch. Nehmen wir an, du wirst zur Abteilungsleiterin befördert. Normale Reaktion: „Cool, meine Arbeit wird anerkannt!“ Reaktion mit Impostor-Syndrom: „Oh Gott, jetzt erwarten alle noch mehr von mir. Jetzt ist der Druck noch größer. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich grandios scheitere und alle sehen, dass ich diese Beförderung nicht verdient habe.“
Psychologen haben für diese verdrehte Denkweise einen Begriff: Attributionsfehler. Menschen mit Impostor-Syndrom haben eine systematisch verzerrte Art, ihre Erlebnisse zu interpretieren. Erfolge werden externen Faktoren zugeschrieben – Glück, Timing, Hilfe von anderen, eine leichte Aufgabe. Misserfolge dagegen werden internal attribuiert – mangelnde Intelligenz, fehlende Kompetenz, persönliches Versagen. Diese Schieflage hält das ganze bescheuerte Muster am Leben, egal wie viele Beweise für die eigene Kompetenz sich ansammeln.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2017 im Fachjournal Cognitive Behaviour Therapy zeigte deutlich, dass dieser Mechanismus nicht harmlos ist. Menschen, die ihren Selbstwert so instabil an Leistung koppeln, haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Burnout, Depressionen und Angststörungen. Der ständige innere Kampf zwischen dem, was außen sichtbar ist und dem, was innen gefühlt wird, kostet massive mentale Energie. Es ist erschöpfend, jeden Tag so zu tun, als hätte man alles im Griff, während man innerlich in ständiger Panik lebt, aufzufliegen.
Der bizarre Zusammenhang zwischen Erfolg und Selbstzweifel
Eine Studie von Kumar und Jagtap aus dem Jahr 2018 fand heraus, dass bei 70 Prozent der befragten Personen mit hohem Erfolgsniveau Impostor-Gefühle auftraten. Siebzig Prozent! Das ist keine kleine Randgruppe, das ist die Mehrheit. Warum ausgerechnet die Erfolgreichen?
Die Antwort liegt in der Dynamik, die wir schon besprochen haben. Wer in der Kindheit gelernt hat, dass der eigene Wert von Leistung abhängt, wird automatisch zum Hochleister. Die eigene Selbstachtung steht auf dem Spiel, also wird gekämpft, gelernt, gearbeitet. Diese Menschen bauen beeindruckende Karrieren nicht trotz ihrer Selbstzweifel auf, sondern wegen ihnen. Die Angst, nicht gut genug zu sein, treibt sie zu Höchstleistungen an.
Dazu kommt noch ein weiterer Faktor: Je höher man klettert, desto krasser wird die Vergleichsgruppe. Als Student vergleichst du dich mit anderen Studenten. Als Professorin vergleichst du dich mit anderen Professoren. Die eigenen Fähigkeiten wirken plötzlich durchschnittlich, obwohl sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung außergewöhnlich sind. Es ist wie ein ewiges Rennen, bei dem die Ziellinie sich mit jedem Schritt weiter entfernt.
Die Lob-Allergie
Ein besonders verräterisches Zeichen für Impostor-Gefühle ist die Reaktion auf Komplimente. Wenn jemand sagt „Deine Präsentation war brilliant“, antworten Betroffene reflexartig mit „Ach, das war nichts Besonderes“ oder „Jeder hätte das gekonnt“ oder „Ich hatte nur gute Slides“. Sie können ein Kompliment nicht einfach annehmen und sich darüber freuen.
Das passiert nicht aus falscher Bescheidenheit. Es ist vielmehr eine kognitive Dissonanz. Die Außenwelt sendet die Botschaft „Du bist kompetent“, aber das innere Selbstbild sagt „Du bist ein Hochstapler“. Diese Spannung muss irgendwie aufgelöst werden, also wird das positive Feedback abgewertet, uminterpretiert oder ignoriert. Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben bereits in ihrer ursprünglichen Studie von 1978 dieses typische Verhalten.
Wie kommt man aus dieser Nummer raus?
Die gute Nachricht ist: Das Impostor-Syndrom ist kein unausweichliches Schicksal. Es gibt Wege raus aus diesem Teufelskreis. Der Trick liegt nicht darin, den Perfektionismus komplett über Bord zu werfen – das wäre unrealistisch und für viele auch nicht wünschenswert. Stattdessen geht es darum, vom maladaptiven zum funktionalen Perfektionismus zu wechseln.
Was ist der Unterschied? Funktionaler Perfektionismus bedeutet, hohe Standards zu haben, diese aber mit Selbstmitgefühl zu verbinden. Statt bei Fehlern in gnadenlose Selbstkritik zu verfallen, entwickelt man eine freundlichere innere Stimme. Man kann akzeptieren, dass Fehler zum Menschsein dazugehören, ohne dass gleich der ganze Selbstwert zusammenbricht.
Eine Studie von Neff und Germer aus dem Jahr 2013 in Clinical Psychology Review zeigte, dass Selbstmitgefühl-Training Impostor-Gefühle signifikant reduzieren kann. Das bedeutet konkret: mit sich selbst so sprechen, wie man mit einem guten Freund sprechen würde. Niemand würde zu einem Freund sagen „Du bist ein kompletter Versager, weil dieses eine Projekt nicht perfekt war“. Aber genau so brutal gehen viele Menschen mit sich selbst um.
Praktische Tricks gegen den inneren Betrüger
Eine wirksame Technik ist das Führen eines Erfolgsjournals. Menschen mit Impostor-Syndrom haben ein selektives Gedächtnis – Erfolge werden schnell vergessen, Fehler werden endlos wiedergekäut. Ein Journal, in dem konkrete Erfolge, positives Feedback und erreichte Ziele festgehalten werden, kann helfen, diese Verzerrung zu korrigieren. Eine randomisierte Studie von Matthews und Clance aus dem Jahr 1985 im Journal of Counseling Psychology validierte diese Methode als effektiv.
Ebenso wichtig ist es, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Viele Menschen mit Impostor-Syndrom denken, sie seien die einzigen auf der Welt, die so empfinden. Wenn sie dann entdecken, dass auch andere erfolgreiche Menschen dieselben Zweifel haben, kann das unglaublich befreiend wirken. Das Impostor-Syndrom verliert einen Teil seiner Macht, wenn es aus dem Geheimen ins Offene geholt wird.
Ein weiterer Ansatz ist die bewusste Arbeit an der Attributierung. Das bedeutet: aktiv üben, Erfolge den eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen zuzuschreiben, statt sie automatisch externen Faktoren zuzuordnen. Klar, manchmal spielt Glück eine Rolle. Aber meistens spielen harte Arbeit, Kompetenz und Durchhaltevermögen eine viel größere Rolle. Diese Perspektive bewusst einzunehmen, kann das verzerrte Denkmuster langsam verändern.
Das Umfeld macht den Unterschied
Interessanterweise hängt das Auftreten von Impostor-Gefühlen auch stark vom Arbeitsumfeld ab. In toxischen Umgebungen, wo Fehler bestraft und Menschen gegeneinander ausgespielt werden, gedeihen Impostor-Gefühle prächtig. In Kulturen hingegen, die psychologische Sicherheit bieten – wo Fehler als Lernchancen gesehen werden und Unterstützung selbstverständlich ist – haben diese Gefühle weniger Angriffsfläche.
Eine Studie von Parker und Kollegen aus dem Jahr 2022 im Journal of Applied Psychology unterstreicht, dass psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz Impostor-Symptome deutlich mildert. Das zeigt: Das Problem liegt nicht nur in den Köpfen Einzelner, sondern auch in systemischen Strukturen. Unternehmen und Organisationen können aktiv dazu beitragen, Impostor-Gefühle zu reduzieren, indem sie eine Kultur schaffen, in der Verletzlichkeit erlaubt ist, Lernen wichtiger ist als perfekte Ergebnisse, und in der Erfolge angemessen anerkannt werden.
Die Entkopplung von Wert und Leistung
Das Impostor-Syndrom zeigt uns etwas Fundamentales über die menschliche Psyche: Objektiver Erfolg und subjektives Wohlbefinden sind zwei völlig verschiedene Dinge. Man kann alle äußeren Marker von Erfolg haben – den Titel, das Gehalt, die Anerkennung – und sich trotzdem innerlich wie ein Hochstapler fühlen.
Die wirkliche Herausforderung besteht darin, den eigenen Wert von äußeren Leistungen zu entkoppeln. Das heißt nicht, ambitionslos zu werden oder keine Ziele mehr zu verfolgen. Es bedeutet vielmehr zu verstehen: Dein Wert als Mensch ist nicht verhandelbar. Er hängt nicht davon ab, ob das letzte Projekt perfekt war, ob du die Beförderung bekommen hast oder ob alle deine Arbeit toll finden.
Menschen, die diesen Perspektivwechsel schaffen – vom leistungsabhängigen zum stabilen Selbstwert – berichten oft von einem Gefühl tiefer Erleichterung. Die Arbeit macht plötzlich mehr Spaß, weil nicht die gesamte Identität daran hängt. Fehler fühlen sich weniger katastrophal an. Und Erfolge können endlich wirklich genossen werden, statt nur als kurze Atempause vor der nächsten Bewährungsprobe erlebt zu werden.
Das Verständnis des Impostor-Syndroms ist deshalb so wertvoll, weil es einen Ausweg aufzeigt. Wenn du erkennst, dass die innere Stimme, die dich als Betrüger bezeichnet, nicht die Wahrheit spricht, sondern ein erlerntes Muster widerspiegelt – dann kannst du beginnen, neue Muster zu entwickeln. Solche, die dir erlauben, deine Erfolge anzuerkennen, deine Kompetenz zu akzeptieren und dich selbst mit derselben Freundlichkeit zu behandeln, die du anderen selbstverständlich entgegenbringst. Denn die Wahrheit ist: Du bist kein Hochstapler. Du hast dir deinen Erfolg verdient. Und es wird höchste Zeit, dass du das auch glaubst.
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