Thunfisch aus der Dose gehört in vielen Haushalten zur Standardausstattung: praktisch, lange haltbar und bei Kindern meist beliebt. Doch während die silberne Dose im Vorratsschrank auf den ersten Blick harmlos wirkt, verbergen sich dahinter komplexe Lieferketten, unterschiedliche Fangmethoden und teils gravierende Unterschiede in der Produktqualität. Für Eltern, die bewusst einkaufen möchten, stellt sich die Frage: Woher stammt der Fisch eigentlich, und wie lässt sich erkennen, welches Produkt sowohl für die Gesundheit der Kinder als auch für die Umwelt die bessere Wahl ist?
Warum die Herkunft bei Thunfisch so entscheidend ist
Die Herkunftsregion von Thunfisch beeinflusst nicht nur die ökologische Bilanz, sondern auch die Schadstoffbelastung und die Arbeitsbedingungen in der Fischereiindustrie. Thunfisch wird weltweit gefangen – vom Pazifik über den Indischen Ozean bis zum Atlantik. Jede Region unterliegt anderen Fangquoten, Kontrollmechanismen und Umweltstandards. Während einige Gewässer streng reguliert werden, herrscht in anderen ein nahezu unkontrollierter Raubbau, der Bestände gefährdet und ganze Ökosysteme bedroht.
Für Familien mit Kindern kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Thunfisch kann unterschiedlich stark mit Quecksilber belastet sein. Größere, ältere Tiere akkumulieren mehr Schwermetalle als kleinere, jüngere Exemplare. Die Herkunft gibt oft Aufschluss darüber, welche Thunfischart verwendet wurde und wie alt die Tiere durchschnittlich waren – Informationen, die für die Ernährung von Kindern besonders relevant sind.
Diese Angaben sollten auf der Dose stehen
Seit einigen Jahren gelten in der Europäischen Union erweiterte Kennzeichnungspflichten für Fischprodukte. Theoretisch müssen Hersteller bestimmte Informationen zur Verfügung stellen, doch in der Praxis bleiben viele Angaben vage oder schwer verständlich. Das Fanggebiet sollte durch eine Nummer oder Bezeichnung wie „Nordostatlantik“ oder „FAO 71″ eindeutig erkennbar sein. Die Fangmethode – ob Ringwadennetz, Langleine oder Handleine – hat unterschiedliche Auswirkungen auf Beifang und Meeresökosysteme. Auch die Thunfischart macht einen erheblichen Unterschied: Skipjack, Gelbflossen oder Weißer Thun unterscheiden sich in Bestandssituation und Schadstoffgehalt deutlich. Der wissenschaftliche Name schafft zusätzlich Klarheit, wenn die deutsche Handelsbezeichnung mehrdeutig ist.
Fehlen diese Angaben oder sind sie nur schwer auffindbar, sollte das als Warnsignal dienen. Transparenz ist ein Qualitätsmerkmal – Hersteller, die nichts zu verbergen haben, kommunizieren offen. Doch die Realität sieht oft anders aus: DNA-Analysen von Verbraucherorganisationen haben gezeigt, dass in manchen Dosen zwei verschiedene Thunfischarten enthalten waren, obwohl nur eine deklariert wurde. Dies verstößt gegen EU-Kennzeichnungsvorschriften und zeigt, wie wichtig kritische Aufmerksamkeit beim Einkauf ist.
Welche Fanggebiete sind problematischer als andere?
Nicht alle Ozeane sind gleich. Der Westpazifik zeigt ein differenziertes Bild: Während die Bestände des Echten Bonito, also des Skipjack-Thunfischs, hier stabil und nicht überfischt sind, gibt es dennoch erhebliche Probleme. Beim Fang mit Ringwadennetzen und künstlichen Plattformen, sogenannten Fischsammlern, werden auch überfischte Arten wie Großaugenthun und Gelbflossenthun als Beifang mitgefangen – teils ohne entsprechende Kennzeichnung auf der Dose. Zudem werden Haie und Schildkröten, die sich um diese Plattformen versammeln, regelmäßig mit an Bord geholt.
Der Indische Ozean kämpft mit ähnlichen Problemen, zudem fehlt es an flächendeckenden Überwachungssystemen. Der östliche Pazifik hingegen wird von Umweltorganisationen als besonders fortschrittlich bewertet, da hier intensiv an der Reduktion von Beifang gearbeitet wurde und die Fischerei zu den umweltschonendsten zählt. Für Eltern bedeutet das: Ein Blick auf die FAO-Nummer lohnt sich. Diese dreistellige Zahl gibt das Fanggebiet an und lässt sich online schnell nachschlagen. So können bewusste Kaufentscheidungen getroffen werden, ohne sich auf vage Werbeaussagen verlassen zu müssen.
Kleine Thunfischarten sind oft die bessere Wahl
Ein häufig übersehener Punkt ist die Wahl der Thunfischart. Skipjack-Thunfisch, auch als Echter Bonito bekannt, wächst schneller und wird nicht so alt wie beispielsweise der Weiße Thun. Das hat zwei Vorteile: Die Bestände erholen sich schneller, und die Quecksilberbelastung bleibt geringer, da die Tiere weniger Zeit haben, Schwermetalle anzureichern. Die Bestände des Skipjack sind im Pazifik stabil und nicht überfischt.
Gelbflossenthun hingegen wird von Fachorganisationen großteils als gefährdet eingestuft – die Situation ist damit ernster als oft angenommen. Der Weiße Thun wurde auf die IUCN Rote Liste der bedrohten Tierarten gesetzt, obwohl er die höchste Reproduktionsrate aller Thunfischarten aufweist. Er weist häufig höhere Schadstoffwerte auf, da er größer und älter wird.

Für Kinderernährung empfehlen Verbraucherschützer und Ernährungsexperten daher eindeutig: Skipjack ist die erste Wahl. Die hellere Farbe und mildere Konsistenz kommen bei Kindern ohnehin oft besser an als das intensivere Fleisch größerer Arten. Über 70 Prozent des im Supermarkt verkauften Thunfischs in Deutschland kommt aus der Dose, was zeigt, wie relevant bewusste Kaufentscheidungen in diesem Bereich sind.
Siegel und Zertifikate richtig interpretieren
Zahlreiche Gütesiegel versprechen Nachhaltigkeit, doch nicht alle halten, was sie suggerieren. Manche Zertifikate werden von Industrieverbänden vergeben und haben eher Marketingfunktion als echten ökologischen Wert. Andere wiederum basieren auf strengen, unabhängig geprüften Kriterien. Wichtig ist, dass das Siegel nicht nur die Fischart, sondern auch die konkrete Fangmethode und das Herkunftsgebiet berücksichtigt. Ein und dasselbe Siegel kann für verschiedene Produkte unterschiedliche Aussagekraft haben – je nachdem, welche Kriterien im Einzelfall angelegt wurden.
Eltern sollten sich nicht ausschließlich auf Siegel verlassen, sondern diese als einen von mehreren Faktoren betrachten. Die Kombination aus Herkunftsangabe, Fangmethode, Thunfischart und glaubwürdigem Zertifikat ergibt ein verlässlicheres Bild als jedes Logo für sich allein. Diese kritische Haltung zahlt sich aus, denn die Unterschiede zwischen den Produkten sind teils erheblich – sowohl in Bezug auf Umweltverträglichkeit als auch auf Produktqualität.
Verpackung und Lagerung beeinflussen die Qualität
Auch wenn die Herkunft stimmt, können Verarbeitung und Lagerung die Produktqualität beeinträchtigen. Thunfisch wird meist in Öl, Wasser oder eigenem Saft eingelegt. Bei Produkten in Sonnenblumen- oder Olivenöl sollte darauf geachtet werden, woher das Öl stammt und welche Qualität es hat – minderwertige Öle können ranzig werden oder unerwünschte Schadstoffe enthalten. Produkte in eigenem Saft oder Wasser sind für Kinder oft die bessere Alternative, da sie weniger Zusatzstoffe enthalten und sich vielseitiger verwenden lassen. Wichtig ist zudem, dass die Dose unbeschädigt ist und das Mindesthaltbarkeitsdatum noch ausreichend weit entfernt liegt – je frischer, desto besser die Nährstoffqualität.
Praktische Tipps für den Einkauf mit Kindern
Der Griff zur Dose muss nicht kompliziert sein, wenn einige Grundregeln beachtet werden. Hilfreich ist eine mentale Checkliste: Herkunft prüfen, Fischart identifizieren, Fangmethode checken. Diese drei Schritte dauern kaum länger als das bloße Einpacken des erstbesten Produkts, machen aber den entscheidenden Unterschied. Smartphone-Apps von Verbraucherorganisationen bieten mittlerweile Barcode-Scanner, die direkt im Supermarkt Auskunft über Nachhaltigkeit und Schadstoffbelastung geben können. Diese Tools sind besonders dann wertvoll, wenn die Zeit für ausgiebige Recherche fehlt.
Ein weiterer Tipp: Wer regelmäßig Thunfisch kauft, kann sich beim ersten Mal die Zeit nehmen, verschiedene Produkte zu vergleichen und dann bewusst bei der besten Option zu bleiben. Das spart langfristig Aufwand und schafft Routine im nachhaltigen Einkauf. Kinder können übrigens durchaus in den Auswahlprozess einbezogen werden – das schärft ihr Bewusstsein für bewussten Konsum und macht den Einkauf zu einer gemeinsamen Aktivität statt zur lästigen Pflicht.
Was die Zukunft bringen könnte
Die Nachfrage nach transparenten Lieferketten wächst, und einige Anbieter reagieren bereits mit detaillierteren Informationen. QR-Codes und Tracking-Codes auf Verpackungen ermöglichen zunehmend die Rückverfolgung bis zum konkreten Fangschiff. Bereits seit 2011 gibt es Beispiele von Händlern, die jede Dose mit einem Code versehen, unter dem Verbraucher Informationen vom Fangdatum über das Fanggebiet bis zum Namen des Fangschiffs abrufen können. Blockchain-Technologie verspricht künftig fälschungssichere Dokumentation der gesamten Produktionshistorie.
Diese Entwicklungen geben Grund zur Hoffnung, dass bewusster Konsum künftig einfacher wird. Bis dahin bleibt es an den Verbrauchern selbst, durch kritische Nachfrage und gezielte Kaufentscheidungen Druck auf Hersteller auszuüben. Jede bewusst gewählte Dose ist ein Signal an die Industrie – und ein Beitrag zum Schutz der Meere, von dem letztlich auch die nächste Generation profitiert.
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